Das Chiemsee Rocks Festival ging 2013 in die sechste Runde. Mit mittlerweile zwei Bühnen und neun Bands wächst das bayerische Festival unaufhörlich. Und die Fans sind begeistert, denn auch dieses Jahr las sich das Line-Up wie das who is who der Rock- und Punk-Szene: Die Ärzte, Mad Caddies, NOFX, Sick Of It All oder Deftones. Alles-was-rockt.com war für Euch vor Ort und hat ein paar neuen Eindrücke sammeln können. Hier der Nachbericht.

Das Chiemsee Rocks Festival wächst und wächst. 2013 durften stolze neun Bands auf dem Eintagesfestival die Bühnen rocken: Entweder auf der Open Air Main Stage oder auf der neu angelegten Zeltbühne. Dabei konnte man wie auch auf den großen Festival fast schon in den Zwiespalt kommen, ob man nun vor der Hauptbühne verweilt, oder doch lieber in die kleinere und innigere Zeltbühne sprintet. Überschneidungen gibt es immer bei mehr als einer Bühne. Aber zum Glück hielt es sich hier noch im Rahmen. Hoffen wir mal, dass es dabei bleiben wird.

Das Festival durften die NRW’ler von Callejon eröffnen, quasi das deutsche Flaggschiff des Metalcore. Hohe Album-Chartplatzierungen waren ihnen bisher schon sicher. Allerdings schwirrt dem Rezensenten dieses Artikels seit einigen Jahren immer wieder die Frage im Kopf herum: Ist Metalcore nicht schon längst tot? Und wenn er denn noch einen Hauch Lebensatem trägt, wie lange noch? Erstere Frage hat sich jedenfalls für mich nun endgültig am 21. August 2013 manifestiert. Metalcore-Cover des Fettes Brot-Songs “Schwule Mädchen”, ein Tote Hosen Cover (“Hier kommt Alex”) oder eine Wall of Love statt eines Wall of Death? Bitte, nein danke! Mit den darauffolgenden Sick Of It All auf der Hauptbühne bekam man jedenfalls innerhalb von etwa zwei Stunden ein heftiges Kontrastprogramm: Eine schweißtreibende, New York-Hardcore-Show der gestandenen Mannsbilder von Sick Of It All vs. eine zwanghaft um das Publikum buhlende Band wie Callejon.

Daraufhin stand alles im Zeichen des Punkrock, Skatepunk, Fun-Rap-Punk und Ska-Punk. NOFX pöbelte gleich nach dem Auftauchen auf der Bühne das Publikum an, es sei “Bullshit”, um diese Uhrzeit (17.30 Uhr) ein Konzert zu spielen. Gut, da mag Fat Mike recht haben. Ließ sich aber nunmal nicht ändern. Mit einem Mini-Banner auf der Bühne ausgestattet lieferte das Punk-Urgestein gewohnte Kost: Ein bisschen Pöbeln, ein bisschen Lästern über Frankreich oder Italien, ein bisschen Beleidigung (“Du fette Sau da, ja ich mein Dich”) und – natürlich – eine Menge Klassiker wie “Dinosaurs Will Die”, “Bob” oder “Kill All The White Man”. Drüben im Zelt lieferten dann Zebrahead ihre treibende Live-Show in bester “Highschool American Pie-Punk”-Manier ab, zu der alle nur noch abgingen. Trotz seiner Heiserkeit gab Sänger Ali Tabatabaee wie immer alles und verausgabte sich bis aufs Letzte. Mit ihrem 10. Studioalbum “Call Your Friends” im Gepäck pfefferten die Amerikaner ein Party-Lied nach dem nächsten heraus, bis sich gegen Ende des Konzertes ihr Live-DJ – übrigens hochpatriotisch gekleidet in einem Stars and Stripes-Shirt – auf einem Schlauchboot bis zu einem Gerüst in der Mitte des Publikums stagediven ließ, dort hochkraxelte und sich aus circa fünf Metern höhe in die Menge fallen ließ. Hossa. Im Gegensatz zu Zebrahead hatten die Mad Caddies allerdings kein neues Album im Gepäck, dafür viele alte Hits und ebenso eine gewohnt treibende Live-Show. Im anschließenden Interview mit den Mad Caddies hat sich alles-was-rockt.com versichern lassen, dass Anfang 2014 ein neues Album herauskommen wird – das Interviewmaterial folgt noch. Die textsichere Meute vor der Bühne tanzte und skankte jedenfalls  zu Songs wie “Backyard”, “Falling Down”, “State of Mind” oder “Drinking for 11″.

Nach so viel Party-Punk und Pöbeleien schraubten die Deftones auf der Hauptbühne das Niveau mit ihrer Professionalität und Ausstrahlung wieder etwas höher. Die Deftones beweisen auch nach dem tragischen Unfall und dem darauffolgenden Koma und Tod ihres Bassisten Chi Cheng, dass sie einen solchen Schicksalsschlag trotzdem gut wegstecken können und dies produktiv in künstlerischer Form umsetzen können. Die Folge daraus: Koi No Yokan, eines der besten Metal-Alben des Jahres 2012. Mit einer gesunden Mischung aus alten Hits und Songs ihrer aktuellen Platte lieferte der charismatische Sänger Chino Moreno auf seinem Podest eine Wahnsinns-Show ab. Daneben sorgte Gitarrist Stephen Carpenter für buntes Treiben, indem er fast zu jedem Song seine Gitarre wechselte, wovon er pinke, neongelbe und lilane besitzt. Danke dafür! Spätestens zum Deftones-Gig schlossen sich langsam nach und nach alle Lücken im Bereich der Hauptbühne, bis schließlich um 20.45 Uhr der Headliner Die Ärzte die Bühne betraten. Was folgte, war ein typisches Ärzte-Konzert, wie man es erwartet hatte. Die Liste der Mitgröhl-Songs ist lang: “Westerland”, “2000 Mädchen”, “Zu spät”, “Schrei nach Liebe” und zwischendurch die typischen Ärzte-Gespräche, Witzeleien und Laolawellen. Mit einer sensationell guten Licht- und Videoshow im Hintergrund der Bühne zeigte die “Beste Band der Welt”, dass auch sie mit der Zeit gehen können – selbst nach einer über 30-jährigen Bandgeschichte. Es hilft hier nicht viel, Zeilen über das Ärzte-Konzert zu schreiben. Die Ärzte muss jeder Rock-Fan einmal live und in Farbe erlebt haben, um diesen Wahnsinn der besten Rock-Band Deutschlands mal erlebt zu haben. Eine Frage stellte sich mir dann aber doch: Unsere Metalcore-”Freunde” von Callejon scheinen einen bleibenden Eindruck bei Ärzte-Drummer Bela B. hinterlassen zu haben, der während seines eigenen Konzertes schöne Grüße nach NRW hinterließ. Woran das lag, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

Chiemsee Rocks 2013 Impressionen