Das Zweitalbum ist bekanntlich dasjenige, mit dem es gilt als Musiker zu bestehen. Kritiker sind hier meistens noch exakter und bedachter als beim Debüt. Klar, mit zwei Alben lässt sich viel mehr vergleichen. Wie fällt die Meinung also bei The Hirsch Effekt aus? Das Hannoveraner Experimental-Post-Metal-Punk-Epic-What-Ever-Core-Konglomerat – so beschreibt die Band selbst ihren Musikstil – führt das weiter, was sie auf ihrem 2010er Debüt „Holon:Hiberno“ kreiert haben. Nein, das wäre untertrieben. Ihre neue Platte „Holon:Anamnesis“ ist die Spitze des Eisbergs und diagnostiziert dem Patienten The Hirsch Effekt: Größenwahn, intelligentes Songwriting, Genialität – alles auf erkenntnistheoretischer Ebene frei nach Platon erkundet. Ihr Anspruch an die Zusammengehörigkeit von Musik und Kunst wird fast schon ad absurdum geführt. Bei stattlichen 30 Gastmusikern hat man einfach mit dem Zählen aufgehört. Kirchen oder Theater wurden sodann für das Orchester – für das dieses Mal ganze Partituren geschrieben wurden – schnell mal zu einem Aufnahmestudio umfunktioniert. Und genau das macht The Hirsch Effekt aus: Die Bandmitglieder haben hohe Ansprüche an sich und ihre Kunst, sie sind musikalisch vielseitig und kaum irgendwo einzuordnen. Ihre Musik möge man mit einer delikaten Praline vergleichen, die man in den Mund steckt und ganz langsam zerfließen lässt bis alle Geschmacksnerven auf der Zunge tangiert werden. So braucht auch das Zweitlingswerk etliche Durchläufe, bis es funktioniert. The Hirsch Effekt und „Holon:Anamnesis“ gilt es zu sezieren. Die einzelnen Tracks sind in lateinischen Vokabeln so codiert, wie auch die Songs selbst mit ihren komplexen Strukturen. Die Platte ist dabei ein in sich schlüssiges und stimmiges Konzept: Das Überthema von vorne bis hinten ist eine Beziehung, die in die Brüche geht. Nicht viele Bands schaffen es, ein so beeindruckendes Gesamtkonzept zu entwickeln und durchzuziehen wie The Hirsch Effekt. In der Schule hätte es im Jahreszeugnis geheißen: Der Schüler zeigte stets Initiative, großen Fleiß und Eifer..Note: sehr gut.

Infos:

VÖ Datum: 31. August 2012
Genre: Experimental-Post-Metal-Punk-Epic-What-Ever-Core
Label: Midsummer Records
Info: The Hirsch Effekt
Format: LP
Trackliste:
1. Anamnesis
2. Limerent
3. Absenz
4. Agitation
5. Ligaphob
6. Mara
7. Irrath
8. Ira
9. Datorie